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22.Mai 2013

Arbeitsrechtliche Aspekte der Krankschreibung

Wer hat nicht schon einmal gehört:
Wer krankgeschrieben ist, muss zuhause bleiben.

Dass dies nicht unbedingt zutreffend ist, zeigen die nachfolgenden Fälle:

Erster Fall:
Die Teilzeitbeschäftigte Nora ist grippekrank. Deswegen schrieb sie ihr Hausarzt 14 Tage arbeitsunfähig krank und empfahl ihr obendrein strikte Bettruhe. Trotzdem brachte Nora ihren 5-jährigen Sprössling jeden Morgen zur Kita, weil ihr Ehemann schon vorher das Haus verlassen musste, um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. Auch sonst stand niemand zur Verfügung, der ihr hätte aushelfen können. Muss Nora nun ein schlechtes Gewissen haben oder droht ihr sogar arbeitsrechtliches Ungemach?

Antwort:
Das schlechte Gewissen hat Nora zu Recht: Ihrem Arbeitgeber gegenüber ist sie verpflichtet, nichts zu unternehmen, was ihrer Genesung zuwiderläuft. Deshalb könnte der Arbeitgeber eine Abmahnung schicken und in äußerst krassen Fällen sogar gleich eine Kündigung. Doch Nora sollte gelassen bleiben. Vor dem Arbeitsgericht hätte ihr Arbeitgeber kaum Chancen, seine Abmahnung bzw. Kündigung erfolgreich durchzubringen. Der Arbeitgeber müsste nämlich beweisen können, dass Nora ihre Genesung verzögert oder gefährdet hat, als sie ihren Sohn trotz ärztlich verordneter Bettruhe zur Kita brachte.

Zweiter Fall:
Einige Wochen später ist Nora erneut erkrankt. Die Schulter ist ausgerenkt. Nora fragt ihren Arzt, ob sie an einem Tanzturnier teilnehmen könne. Der Arzt hat keine Bedenken. Nora gewinnt das Turnier und wird vom Lokalreporter abgelichtet. Den dazugehörigen Bericht liest auch ihr Chef. Dieser schreibt empört eine fristlose Kündigung. Zu Recht?

Antwort:
Nein!
Vor dem Tanzturnier hatte der Arzt grünes Licht gegeben. Das Tanzen werde die Heilung der Schulterverletzung nicht gefährden. Dies versichert der Hausarzt auch als Zeuge vor dem Arbeitsgericht. Was der Arzt sagt, gilt.
Behindert die Teilnahme am Tanzwettbewerb die Genesung nicht, durfte Nora trotz Krankschreibung tanzen. Die ihr ausgesprochene fristlose Kündigung ist rechtswidrig.

Fazit:
Ein arbeitsunfähig erkrankter Arbeitnehmer hat während seiner Ausfallzeit durch sein eigenes Verhalten dafür Sorge zu tragen, dass er die Arbeitsunfähigkeit möglichst bald überwindet. Dies bedeutet allerdings nicht, dass er stets nur das Bett zu hüten hat oder jedenfalls die eigene Wohnung nicht verlassen darf. Entscheidend ist vielmehr Art und Umfang der vorliegenden Erkrankung. Danach kann ermessen werden, ob bestimmte Aktivitäten während der Zeit der Arbeitsunfähigkeit erlaubt oder untersagt sind.
Zu empfehlen ist eine Rücksprache mit dem Hausarzt, um die medizinische Frage abzuklären, ob die beabsichtigte Aktivität mit dem Genesungsprozess vereinbar ist oder nicht.

Dritter Fall:
Nora fühlt sich trotz 14-tägiger Krankschreibung nach einer Woche fit und will deshalb wieder arbeiten gehen. Muss sie zuvor zu ihrem Hausarzt, um sich „gesundschreiben“ zu lassen?

Antwort:
Nein!
Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung stellt nur eine Einschätzung des Arztes zur Frage der voraussichtlichen Dauer der Arbeitsunfähigkeit dar. Eine Gesundschreibung im Rechtssinne gibt es nicht. Nimmt Nora die Arbeit wieder auf, verliert die ursprüngliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ihre Gültigkeit. Nora sollte sich bei ihrer Personalabteilung melden. Danach ist sie uneingeschränkt kranken- und sozialversichert. Schickt der Arbeitgeber Nora allerdings wieder nach Hause, weil der Eindruck besteht, dass sie die Krankheit noch nicht überstanden hat, dann folgt der Arbeitgeber lediglich seiner Fürsorgepflicht, da ihn ansonsten bei Folgeerkrankungen bzw. Arbeitsunfällen ein Mitverschulden treffen könnte.

Fazit:
Ein trotz Krankschreibung arbeitender Arbeitnehmer hat Anspruch auf normale Vergütung. Für die Unfallversicherung gilt: Alle Unfälle, die in Folge der Tätigkeit im Arbeitsverhältnis geschehen, sind Arbeitsunfälle, weil es auf die tatsächliche Arbeitsleistung und nicht auf die Frage der attestierten Arbeitsfähigkeit des Arbeitnehmers ankommt. Nur wenn der Arbeitnehmer in Folge seiner Erkrankung überhaupt nicht in der Lage ist, seine Arbeit auszuführen, entfällt die Unfallversicherung. In diesen Fällen wird sich ein vernünftiger Arbeitnehmer im Eigeninteresse nicht vorzeitig zur Arbeit zurückmelden. Ferner wäre es Pflicht des Arbeitgebers, den Arbeitnehmer in solchen Fällen gar nicht erst arbeiten zu lassen, sondern nach Hause zu schicken.

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